Ich bin ein
Ludwigsbürger
Dr. Hans Pöschko

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Die Erinnerung
wach halten

Jahrgang 1943

Wohnt in Oßweil

Ist Vorsitzender des Fördervereins Zentrale Stelle, promovierter Historiker, ausgebildeter Volksschul- und Gymnasiallehrer und hat bis zu seinem Ruhestand Studenten im Fach Geschichte an der Pädagogischen Hochschule unterrichtet.

Engagiert sich dafür, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht vergessen werden.

Ich zettel was an

Für die meisten Besucher ist das Schloss mit seinem Blühenden Barock die erste Adresse in Ludwigsburg. Für Historiker, insbesondere für solche, die sich mit der Zeit zwischen 1933 und 1945 beschäftigen, ist die Zentrale Stelle in der Schorndorfer Straße 58 der wichtigste Ort der Stadt. Dort, nicht in Berlin oder Nürnberg, lagert die umfangreichste Aktensammlung zur Aufklärung von Verbrechen, die im Namen des Nationalsozialismus verübt wurden. Seit 1958 haben in Ludwigsburg Staatsanwälte und Richter Vorermittlungen durchgeführt, haben zusammen mit Kriminalpolizisten und Justizangestellten dafür gesorgt, dass Täter, die in den Konzentrationslagern an der Vernichtung des europäischen Judentums beteiligt waren oder bei Massenerschießungen in Polen oder der Ukraine Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen, vor ein deutsches Gericht gestellt werden konnten. Diese Ermittlungsakten sind heute eine wichtige Quelle für die Wissenschaft.

Hans Pöschko ist Historiker und seit 2005 Vorstand des „Fördervereins Zentrale Stelle“. „Ich beschäftige mich schon lange mit dieser Geschichte, aber manche Details gehen mir immer noch an die Nieren“, sagt der sonst eher nüchtern und sachlich wirkende Mann. Pöschko hat seine Kindheit überwiegend in einem Lager für Heimatvertriebene in Oberesslingen verbracht, geboren ist er 1943 im damals so genannten „Protektorat Böhmen und Mähren“. „Die Geschichte des Nationalsozialismus ist auch Teil meiner Biographie“, sagt er. Pöschko hat Geschichte studiert und mehr als 30 Jahre lang an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg angehende Geschichtslehrer ausgebildet.

»Nie wieder – das ist schnell gesagt. Aber man muss etwas dafür tun, dass die Demokratie lebendig bleibt.«

In der „Zentralen Stellen der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“, dem ehemaligen Frauengefängnis, wird heute noch ermittelt. Zeitweise haben rund 120 Staatsanwälte, Richter und Justizangestellte in dem mit hohen Mauern abgesicherten Gebäude gearbeitet. Jetzt, 73 Jahre nach Kriegsende, überprüfen nur noch wenige Juristen hauptsächlich die Ergebnisse früherer Ermittlungen. Doch im Torhaus vor der Zentralen Stelle gibt es seit 2004 eine kleine Ausstellung über die Arbeit der Ermittler von Ludwigsburg. Ein nachgebautes Büro ist zu sehen, Schautafeln berichten von den Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer juristischen Aufarbeitung.

Der „Förderverein Zentrale Stelle“ hat sich für die Nutzbarmachung der Ermittlungen und für diese Ausstellung stark gemacht, die als Daueraustellung von Montag bis Freitag geöffnet ist. Sechs Mal im Jahr führen Pöschko und seine Mitstreiter Interessenten sonntags durch das Torhaus. „Manchmal kommen ältere Leute, die einfach über ihre Erfahrungen in dieser Zeit reden möchten“, sagt der pensionierte Hochschullehrer. Einmal in der Woche ist ein abgeordneter Lehrer vor Ort, der dort Schulklassen betreut. Dass die Zentrale Stelle nicht nur eine Adresse für Juristen und Wissenschaftler ist, sondern auch ein Ort der Erinnerung und der Aufklärung, dafür setzt sich Hans Pöschko ein. „Wie muss der Staat gestaltet sein, dass er nicht zum Verbrecher wird, wie das im Nationalsozialismus geschehen ist? Mit dieser Frage müssen wir uns beschäftigen.“

Der Förderverein organisiert deshalb auch Vorträge und Filmvorführungen zum Thema Nationalsozialismus. „Öffentlichkeitsarbeit als Erinnerungsarbeit“ ist eine der Leitlinien des Vereins. Die Vorträge finden im Staatsarchiv am Arsenalplatz statt. Und das sollte auch am Ort bleiben, findet der Historiker, der sich nicht nur mit Büchern, sondern auch mit Menschen auseinandersetzt. „Das Archiv ist unser Gedächtnis, es gehört nicht an den Rand, wie es zeitweise geplant war, sondern mitten in die Stadt. Erinnerung an Vergangenes, um die Gegenwart zu gestalten und für die Zukunft zu planen, ist eine zentrale Aufgabe, keine Randerscheinung.“

Text: Dorothee Schöpfer

Bilder: Benjamin Stollenberg