Ich bin eine
Ludwigsbürgerin
Eva Herbst-Schetter

<< zurück

Eine Netzwerkerin
mit Ausdauer

Jahrgang 1957

Wohnt in Besigheim und arbeitet seit 22 Jahren in Ludwigburg

Ist Sozialarbeiterin, Organisationsentwicklerin, Fundraiserin, Vorstand bei Tragwerk e.V. in Ludwigsburg und Gemeinderätin in Besigheim

Engagiert sich dafür, dass gleichberechtigte Teilhabe für alle möglich ist – egal ob arm oder reich, behindert oder nicht, alteingesessen oder neu angekommen

Ich zettel was an

Der Begriff „Inklusion“ hat Konjunktur. Das müsste Eva Herbst-Schetter eigentlich freuen: Schließlich setzt sich die 61-jährige Sozialarbeiterin schon ihr Berufsleben lang für einen Umgang auf Augenhöhe mit Behinderten ein. Doch für Eva-Herbst Schetter ist Inklusion mehr als die Integration von Schülern mit Einschränkungen in Regelschulen: „Für mich bedeutet Inklusion, dass alle benachteiligten Menschen an der Gesellschaft gleichberechtigt teilhaben können.“ Benachteiligt - das sind nicht nur Behinderte, das sind auch Menschen in Armut oder Frauen und Männer, die aufgrund ihrer schlechten Sprachkenntnisse außen vor bleiben, so sieht es Eva-Herbst-Schetter. Und macht sich dafür stark, dass sich daran was ändert.

Als Gemeinderätin in Besigheim, aber auch im „Tragwerk“, einem Verein für Chancengleichheit in Ludwigsburg. Dort ist sie mit einer 60-Prozent-Stelle beschäftigt, sitzt gleichzeitig aber auch ehrenamtlich im Vorstand. „Mein Mann sagt immer, ‚Du arbeitest 120 Prozent und wirst halt für die Hälfte bezahlt’“, erzählt sie mit einem Lachen. Die zweifache Mutter und Großmutter eines Enkels hat jedenfalls Energie für zwei. Neben Sprachkursen, einer Kreativwerkstatt und weiteren Inklusionsprojekten betreibt das Tragwerk das Stadtteilbüro in Grünbühl-Sonnenberg und bietet dort im Mehrgenerationenhaus mittwochs das Café L’ink an.

»Durch das Teilhabegesetz ist Inklusion kein Gnadenakt mehr, sondern ein Grundrecht.«

Link – das steht im englischen für Verbindung. In der Barockstadt steht es aber auch für Ludwigsburg inklusiv. Denn im Café L’ink, das donnerstags auch in der Stuttgarter Straße im Beck’schen Palais geöffnet hat, stehen Schülerinnen und Schüler aus Förder-, Sonder- und Regelschulen an der Kuchentheke und schenken Kaffee aus. Willkommen sind dort Gäste mit Einschränkungen genauso wie solche ohne. So sitzen kartenspielende Seniorinnen neben einer spastisch gelähmten jungen Frau und kommen ins Gespräch. Am Geld soll der Besuch im Café L’ink nicht scheitern, ein Stück Kuchen kostet 50 Cent.

„Unsere Gesellschaft ist bunt und wir wollen Räume der Begegnung schaffen, in denen man das auch erlebt“, sagt Eva Herbst-Schetter. Damit das gelingt, ist sie gut vernetzt mit vielen anderen Vereinen, Institutionen und Verbänden. Und sie ist eine kreative Geldbeschafferin: „Ohne ein professionelles Fundraising könnten wir unsere Ideen nicht umsetzen“, sagt Herbst-Schetter.

Im vergangenen November hatte die „Lange Nacht der Inklusion“ Premiere. Um die 500 Besucher haben im Scala, in der Reithalle, in der katholischen Kirche und der Theaterakademie Kultur genossen, es gab Theater, Bands, eine Modenschau, eine Gehörlosenoper und eine Party bis 2 Uhr früh. Ein Jahr lang haben die Teams vom Tragwerk, vom Scala und vom Netzwerk Inklusion an der Vorbereitung gearbeitet – und freuen sich jetzt schon auf die nächste Nacht der Inklusion 2019.

Wie es sich anfühlt, komisch angeschaut zu werden, das hat die umtriebige Sozialarbeiterin schon oft erlebt. Sie ist von Geburt an mit einer Dysmelie, einer Fehlbildung, der Arme behindert. Eingeschränkt fühlt sie sich deshalb nicht. Aber sie weiß, dass ihr Leben vermutlich völlig anders verlaufen wäre, hätten ihre Eltern nicht dafür gesorgt, dass sie ganz normal zur Schule gehen und später auch ihren Führerschein machen konnte.

„Vielleicht engagiere ich mich aufgrund meiner Geschichte so sehr dafür, dass jeder sein darf wie er oder sie eben ist“, sagt Eva Herbst-Schetter. „Wenn wir diese Vielfalt akzeptieren könnten, müsste man auch nicht das Etikett ‚Inklusion’ darüber kleben.“ Bis es soweit ist, hat sie aber noch andere Etappenziele. Etwa ein Café L’ink in der Fußgängerzone: Offen für alle und absolut zentral.


 

Text: Dorothee Schöpfer

Bilder: Benjamin Stollenberg