Ich bin eine
Ludwigsbürgerin
Gisela Vogt

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Zum Mittagessen
in die Kirche

Jahrgang 1959

Wohnt in der City-Ost

Ist evangelische Pfarrerin der Friedenskirchengemeinde und organisiert die Vesperkirche

Engagiert sich dafür, dass Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten sich bei einem guten Essen begegnen – und dass Armut nicht mit Ausgrenzung einher geht

Ich zettel was an

Da war diese Frau kürzlich in der Vesperkirche, vielleicht zehn Jahre jünger als die Endfünfzigerin Gisela Vogt. Die eine gute Ausbildung hatte, wegen einer chronischen Krankheit aber arbeitsunfähig wurde und der ihre Rente nicht zum Leben reicht. Mit dem Einkommen ist auch der Freundeskreis verloren gegangen. Denn sich immer einladen lassen ins Kino oder ins Restaurant, das ist für die Frührentnerin, mit der sich Pfarrerin Gisela Vogt beim Essen in der Vesperkirche unterhalten hat, keine Alternative. Eine Begegnung, die der evangelischen Geistlichen lange nachging: „Der Grat ist schmal, an dem sich entscheidet, ob man auf der Sonnenseite des Lebens steht oder nicht“, sagt Gisela Vogt nachdenklich. „Hinter dem Schlagwort Hartz IV stehen so unterschiedliche Schicksale.“ In der Vesperkirche werden sie sichtbar.

Seit neun Jahren organisiert Gemeindepfarrerin Gisela Vogt gemeinsam mit Bärbel Albrecht von der Diakonischen Bezirksstelle die Vesperkirche in Ludwigsburg. Drei Wochen lang im Februar und März serviert ein Team von Ehrenamtlichen täglich um die 500 bis 600 Mahlzeiten in der Friedenskirche an der B27. Es gibt Suppe und ein warmes Essen, das in der Karlshöhe gekocht wird und danach Kaffee und selbstgebackenen Kuchen – alles für 1,50 Euro. Doch eine „Armenspeisung“ wollte die Vesperkirche von Anfang an nicht sein. Für Gisela Vogt ist sie ein Ort der Begegnung: „Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen Milieus kommen hier zum Essen an einem Tisch zusammen.“

»Die Vesperkirche ist ein Miteinander für Leib und Seele. Hier treffen Ludwigsburger aufeinander, die sonst in völlig getrennten Welten leben.«

Die Seelsorgerin ist seit 21 Jahren in Ludwigsburg und kennt die Stadt gut. „Armut hat viele Gesichter. Es gibt nicht nur finanzielle Armut, es gibt auch Kontaktarmut.“ Auch die Seele soll gespeist werden bei der Vesperkirche. Wenn es still wird in der Kirche beim Gongschlag, der den kurzen geistlichen Impuls beim Mittagessen ankündigt, dann rührt das die Friedenskirchenpfarrerin.

Bei der Vesperkirche löffelt die psychisch angeschlagene Frau neben dem städtischen Angestellten ihre Suppe, der Obdachlose kommt bei Linsen und Spätzle mit dem Rechtsanwalt ins Gespräch, die Rentnerin, die ihre Mahlzeiten sonst alleine einnimmt, sitzt neben einer Schülergruppe und genießt es, das Leben um sich herum zu spüren. „Das Essen ist der Aufhänger dafür, dass sich Menschen begegnen, die im Alltag nie aufeinandertreffen oder ins Gespräch kommen“, sagt Gisela Vogt.

Es hat eine Weile gedauert, bis das auch geklappt hat. Am Anfang haben die Obdachlosen den Gang in die Kirche gescheut, jetzt kommen sie und wissen auch Angebote wie den kostenlosen Friseurbesuch zu schätzen, eine Rückenmassage oder ein Gespräch mit einem Schuldnerberater. Wenn das Essen auch sehr günstig ist, für viele der Gäste sind die Kosten für die Fahrt dagegen viel zu hoch. „Die Ticketpreise für Bus und Bahn sind immer wieder ein Thema am Tisch“, weiß die Friedenskirchenpfarrerin.

Rund 500 Ehrenamtliche helfen bei der Vesperkirche mit. Manche fühlen sich ansonsten mit Kirche wenig verbunden, nehmen aber extra Urlaub, um in der Vesperkirche beim Bedienen dabei zu sein. „Dass man hier bei einem zeitlich begrenzten Projekt etwas zusammen stemmt, ist ein großer Gewinn für alle Beteiligten“, sagt Gisela Vogt. „Das könnte ruhig öfter passieren, dass Bürgerbeteiligung so konkrete Formen annimmt.“ Für sie selbst ist Zeit der Vesperkirche so anstrengend wie anregend. Denn was sich aus den Begegnungen und Gesprächen bei Bratwurst mit Sauerkraut ergibt, hallt in jedem Fall nach – viel länger als drei Wochen.

Text: Dorothee Schöpfer

Bilder: Benjamin Stollenberg