Ich bin eine
Ludwigsbürgerin
Güzide Saglam

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Erziehungshilfe
auf Augenhöhe

Jahrgang 1982

Wohnt in Eglosheim

Ist Sozialarbeiterin in der Unterkunft für obdachlose Familien, war ehrenamtliche Mentorin in der Kinder-und Familienbildung und bildet jetzt selbst Mentorinnen aus.

Engagiert sich dafür, dass sich für Mütter und Väter pädagogische Fenster in der Erziehung öffnen und sich Menschen weiterentwickeln können.

Ich zettel was an

Der Ratgebermarkt für Eltern boomt: Jeden Monat kommen neue Titel in die Buchhandlungen, die warnen, was bei der Erziehung alles schief laufen kann. Dass der direkte Austausch unter Eltern aber hilfreicher sein kann als ein Buch und dass es oft auch kleine Schritte sind, die Mütter und Väter nach vorne bringen, das hat Güzide Saglam erfahren, als ihre ältere Tochter im Kindergarten war. Damals, vor zehn Jahren, ist sie als junge Mutter zur Mentorin des Programms Kinder- und Familienbildung (KiFa) geworden. Sie hat erst selbst in Kursen viel erfahren zu Themen wie gesunde Ernährung, gewaltfreie Erziehung, Medienkonsum oder der Rolle der Eltern als Vorbilder. Und dieses Wissen dann zwei Jahre lang als KiFa-Mentorin an andere Eltern in der Kita weitervermittelt: Auf Augenhöhe, verbunden mit viel Austausch und der Erfahrung, dass daraus aus langfristige Freundschaften entstehen können.

Für Güzide Saglam war ihr Ehrenamt als Mentorin eine Weichenstellung für’s Leben: „Es hat uns als Familie weitergebracht und es hat mein Selbstbewusstsein enorm gestärkt, dass ich Mentorin werden konnte. Ich hätte mir vorher nicht zugetraut, vor einer Gruppe zu stehen, vorzutragen und gehört zu werden.“ Sie hat den Rückenwind aus dieser Erfahrung genutzt – und ein Studium der Sozialarbeit begonnen. „Nach der guten Erfahrung als Mentorin wollte ich mein Wissen professionalisieren und anderen helfen, sich weiterzuentwickeln“ sagt sie über ihre Studienwahl. „Geht es auch meinen Nachbarn gut und nicht nur mir selbst? Dieses Interesse macht uns doch als Menschen aus“, findet Güzide Saglam, die mit 17 Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam.

»Möchtest Du die Welt verbessern, beginne bei Deinem Nachbarn«

Die Frau mit der optimistischen Ausstrahlung und der freundlich-sanften Stimme hat die Doppelbelastung Kinder und Studium gut gemeistert, auch wenn ihr Mann erst skeptisch war. „Er kommt aus einer traditionellen Familie und dass ich einen so anderen Weg gegangen bin, war anfangs schwer für ihn.“ Heute sind nicht nur die beiden Töchter stolz auf ihre Mutter, sondern auch der Ehemann auf seine Frau. Selbst Verantwortung zu übernehmen und nicht nach oben abzuschieben, das ist für Güzide Saglam ein zentraler Wert. „Auch eine Stadt kann nur stark sein, wenn die Bürger Lösungen entwickeln“, findet sie.

Die Kinder-und Familienbildung hat Güzide Saglam nicht mehr los gelassen. Mittlerweile bildet sie als Trainerin auf Honorarbasis selbst Erzieherinnen und Eltern zu KiFa-Mentorinnen und -Mentoren aus.

Auch ihre Arbeit als Sozialarbeiterin in der Unterkunft für obdachlose Familien in Eglosheim knüpft daran an: Sie unterstützt bei Gesprächen in der Schule, öffnet pädagogische Fenster für Eltern, aber auch für Lehrer, die oft nicht um die prekäre Wohnsituation der Kinder wissen. „Obdachlos, das sind nicht nur die betrunkenen Männer auf der Parkbank. Eine Kündigung wegen Eigenbedarf kann jeden treffen“, sagt Güzide Saglam. Als Mitarbeiterin des KiFa-plus-Programms berät, begleitet und aktiviert die Mütter und Väter in dieser schwierigen Situation, will dazu beitragen, diese Übergangsphase positiv zu gestalten. „Die Eltern sollen gestärkt aus der Zeit hier herausgehen“, das ist ihr Anspruch. Eine Mutter in der Unterkunft hat Güzide Saglam sogar schon als Mentorin für Kinder- und Familienbildung gewonnen. Dass daraus viel erwachsen kann, weiß Güzide Saglam selbst am besten.

Text: Dorothee Schöpfer

Bilder: Benjamin Stollenberg